20.2.05

Bonn
Letzter Akt
Ein bisschen Wehmut beim Abschied von Berlin: mit dem Taxi noch mal am Potsdamer Platz vorbei, Berlinale Palast und Cinemaxx aus der Ferne… Die Festival-Tage waren anstrengend, aber auch sehr schön. Leander würde vielleicht sagen: "Mir hat es sehr gefallen, weil es so ermüdend-schön war." Ich habe Filme abseits der normalen Kinofilme gesehen, (wann kann ich mir sonst schon niederländische Jugendfilme oder griechische Geiseldramen angucken?!) und komme mit dem guten Vorsatz nach Bonn zurück, jetzt öfter ins Programmkino zu gehen. Außerdem hoffe ich, dass U-Carmen eKhayelitsha, der Gewinner des Goldenen Bären, bald in die deutschen Kinos kommt. Auf der Berlinale habe ich die südafrikanische Version der Oper Carmen leider verpasst. Dafür habe ich Andries Mbali, einen der Schauspieler des Films, bei dem Workshop zum Marketing afrikanischer Filme kennen gelernt. Er und einige andere aus der Crew mussten schon am nächsten Tag nach Südafrika zurückfliegen, weil sie bereits den nächsten Film drehen. "Und was, wenn ihr nun gewinnt?", frage ich ihn. Ich glaube, er findet die Idee ziemlich abwegig und lacht mich ein bisschen aus. "Keine Ahnung was dann", antwortet er. "Das wäre allerdings ein Ding!" Gerade erzählt der Regisseur Mark Domford-May im Fernsehen, wie überrascht er war, dass der Film überhaupt für den Wettbewerb ausgewählt wurde. Wär’ schön, wenn durch diesen Überraschungssieg in Zukunft auch andere Filme aus Afrika hier mehr beachtet werden.

19.2.05

Von Berlin nach Köln
Mission accomplished
Denken Sie sich an diese Stelle ein Zitat aus dem Epilog von Charlie Sheen, als er im Film Platoon (1986) verletzt und unglaublich fertig im Armeehubschrauber sitzt, über den Vietnamesischen Dschungel geflogen wird und sinierend in den leeren Himmel starrt.

Mission accomplished. Nach zehn Tagen Rundumeinsatz im Auftrag des Kinos, ist es Zeit zu gehen. Noch einmal den Müll runterbringen, Papierkram erledigen und das Feld räumen. Wir melden uns wieder, spätestens heute abend von vor dem Fernseher zur Berlinale-Nachlese. Danke an alle die geholfen, gepostet und gelesen haben.

Und die Bären gehen an...
Überraschung, die Filmadaption einer Bizet-Oper hatten die wenigsten auf Ihrer Top-Favoriten-Liste. Aber der Goldene Bär 2005 geht an "U-Carmen eKhayelitsha". "Sophie Scholl" gewinnt zwei Silberne Bären für die Regie und Hauptdarstellerin Julia Jentsch. Lesen Sie mehr über die Preisevergabe bei DW-WORLD.

Schreibzimmer
Publikumspreis für "Paradise now"
 "Paradise Now" des palästinensischen Regisseurs Hany Abu-Assad bekommt den Publikumspreis der Berlinale. Das teilte die Jury mit, die aus Lesern der Tageszeitung "Berliner Morgenpost" besteht. Der Film gilt als einer der Favoriten für den Hauptpreis der 55. Berlinale.

Auf Platz zwei wählten die Leser "Sophie Scholl - Die Letzten Tage", auf Platz drei "Sometimes in April", der Film über den Völkermord in Ruanda 1994 (siehe Berichterstattung von Christine weiter unten). Der Publikumspreis wird, im Gegensatz zu den "professionellen" Jurys, von den Kinozuschauern bestimmt und wird deshalb in der Branche mit großem Interesse wahrgenommen.

Und die Bären? Deren neue Besitzer werden am nachmittag bekannt gegeben. Da Christine und ich dann bereits im Flugzeug sitzen, verweisen wir vertrauensvoll auf die Berichterstattung von DW-WORLD Kultur.

18.2.05

Cinemaxx
Die Will-Smith-Show
Was wären Film-Festivals ohne die Hollywood-Schinken? Die Fotografen motzen schon die ganze Zeit rum, dass es auf dieser Berlinale viel zu wenig Hollywood gäbe. "Schließlich verdienen wir mit den Stars und nicht mit Politik und schwierigem Gesellschaftskram unser Geld", beschwert sich einer. (Sogar die Taxi-Fahrer jammern im "Früher-War-Alles-Besser-TON"...). Also beschließe ich, kurz vor Schluss noch das volle Hollywood-Programm mitzunehmen und sehe mir "Hitch" mit Will Smith, Eva Mendes und Kevin James an. Eine Liebeskomödie um einen "Date-Doktor" (Will Smith), der zwar alle möglich anderen Leute verkuppelt, was ihn selbst betrifft aber desillusioniert und zynisch ist. Bis er sich in die - ebenso desillusionierte - Journalistin Sara verliebt. Den Rest kann sich jeder denken. Im Kino sitze ich neben Daniel, einem Uni-Freund, den ich ewig nicht gesehen habe. Ich fühle mich wunderbar an früher erinnert, weil Daniel es wie in alten Kino-Zeiten schafft, selbst die klischeehaftesten Hollywood-Blockbuster intellektuell anzugehen. Nach den vielen schwierigen Filmen empfinde ich "Hitch" einfach als nette Unterhaltung (was ich zum Teil Daniels Kommentaren verdanke) und freue mich über die Mainstream-Musik und die albernen Tanzszenen am Ende des Films.

Bei der anschließenden Pressekonferenz geht mir Will Smith allerdings nach einiger Zeit ziemlich auf die Nerven. Er ist noch alberner als in dem Film und macht aus jeder Antwort eine Show. Als eine Journalistin nach den vielen Kuss-Szenen fragt, stürzt sich Will Smith auf die arme Frau und küsst sie. Seine Kollegen und Kolleginnen kommen kaum zu Wort und wenn mal ausdrücklich jemand anders als er gefragt wird, droht er den Raum zu verlassen oder redet einfach dazwischen. Ich biete Daniel zehn Cent für jede intellektuelle Frage an, aber leider geht er auf das Geschäft nicht ein. So geht's weiter ausschließlich um Anmach- oder Flirtfragen. Der Verdacht liegt nahe, dass sowohl bei Will Smith als auch bei einigen Journalisten Alkohol oder andere Substanzen heute eine Rolle spielen. Eine groteske Veranstaltung!

Stadtrundfahrt
Starsearch
Einen Versuch war es ja wert. Ich habe Stars gesucht. Um die Sache ganz geschickt anzugehen, suche ich natürlich nicht in den gängigen Hotel-Lobbys und Schicki-Micki-Absteigen, das macht ja jeder. Also rein in die U-Bahn und hin zu den Orten, wo man die Prominenz nicht unbedingt vermuten würde. Will Smith zum Beispiel - warum sollte der in den McDonalds am Kuhdamm gehen? Es gibt keinen Grund. Und genau deshalb könnte er ja vielleicht doch? Nein, natürlich ist er nicht da. Und sonst auch niemand aus der Gala. Schade.

In´t veld ist ein kleines, aber feines Schokoladenfachgeschäft am Helmholtzplatz. Nebenan soll Joschka Fischer mal einen Kakao getrunken haben. Hier sollte der richtige Ort sein, um die A-Prominenz abzugreifen. Aber auch hier wird nichts aus der Berlinale-Begegnung der besonderen Art. Niemand da, nicht mal so ein deutscher Vorabendserienstar. Frustriert kaufe ich absonderliche Schokoladenvarianten ("Grammelnussn vom Waldschwein") im Gesamtwert von 35,70 Euro und gehe nach Hause. Ich bin mir sicher, dass George Michael jetzt gerade aus dem Lidl an der Warschauer Straße stapft.

Irgendwo im Kino
"We call it snakes"
In irgendeinem Kino, vor irgendeinem Film: Eine Frau um die fünfzig erklärt ihrem ausländischen Begleiter die ostdeutsche Kultur des Schlangestehens. (Ich habe den Anfang nicht mitbekommen, vermute aber, dass es um's Anstehen für Kinokarten geht) "We call it 'snakes'." Für sie sei das Teil ihrer Sozialisation. "You know, I'm from the East. And I love snakes." Es kämen dabei immer ganz tolle Gespräche zustande, erzählt sie. Leider geht jetzt das Licht aus und sie erzählt dem Mann nur noch ganz leise von den guten Erinnerungen an die DDR.

Am Frühstückstisch...
Landjugend als Trauma
Meinen Härte-Test habe ich gestern Abend nach dem dritten Film abgebrochen. Die Ankündigung für Vers Mathilde klang mir dann doch zu anstrengend ("ein Porträt der Choreografin Mathilde Monnier, in deren Arbeit und Persönlichkeit die Regisseurin eigene Wesenszüge entdeckt..." Hä?!) Durchfahrtsland von der deutschen Regisseurin Alexandra Sell wird also mein letzter Film. Der Film läuft in der Sektion Forum und dokumentiert das Leben einiger Menschen in den Dörfern zwischen Köln und Bonn. Alexandra Sell hat ihre Protagonisten auf Spielmannzugssitzungen, zu Junggesellenvereinsfeiern, zum Maibaumschlagen und auf Veranstaltungen, die auf Dörfern sonst noch so anfallen, begleitet. Mehr zum Inhalt: siehe unten bei Marcus, den ich zufällig im Kino treffe.

Autsch! Ich bin mit Henning im Kino, der aus der selben norddeutschen Kleinstadt kommt wie ich, und wir zucken an ziemlich vielen Stellen zusammen und rutschen immer tiefer in unsere Sitze. Auch der Mann auf meiner rechten Seite hat offensichtlich eine traumatisierende Landjugend hinter sich. "Oh, nein. Das ist ja schrecklich", flüstert er einmal und erntet rundum Gelächter. Reitverein, Sportverein, Kinderchor: Mir kommen die Geschichten aus Durchfahrtsland auch fürchterlich bekannt vor. Den Spielmannszug haben mir meine Eltern zum Glück verboten. Mein befangenes Urteil: Eine halbe Stunde weniger hätte es auch getan und man muss Durchfahrtsland nicht im Kino gucken. Fernsehen tut's auch und da wäre er sicher brilliant.

Heimat vor der Haustür
Da fährt man einmal quer durch die ganze Republik. Schaut Filme aus den entlegensten Winkeln der Erde. Und dann findet man einen Film über die Provinz zwischen Köln und Bonn am besten. Alexandra Sell porträtiert in "Durchfahrtsland" vier Dorfbewohner aus der Gegend, die sich Vorgebirge nennt, ohne dass hinter dem Vorgebirge noch ein Gebirge käme.

Wir sehen den zugezogenen Pfarrer Dümmer, der seit 20 Jahren versucht die beiden verfeindeten Dörfer Hemmerich und Rösberg zu versöhnen. Wir sehen den Schüler Mark Basinsky, der - hoffnungslos im Junggesellenverein verloren - von einem Modedesign-Studium träumt. Wir sehen die Krimiautorin Sophia Rey, zu deren Lesungen ihrer im Eigenverlag erschienen Bücher niemand erscheint. Und wir sehen den Soldaten Guiseppe Scolarion, der zwischen Spielmannszug und Schützenverein seinen Eltern verloren geht.

Die Idee für ein Porträt der Heimat sei ihr in England gekommen, erzählt die Regisseurin. Den Film sehe sie als Liebeserklärung an die Region. Ob das die Protagonisten ähnlich sehen, wird sich bei der Premiere in Köln zeigen...

Seite zum Film

Starbucks
Planet Berlinale
Menschenmassen eilen zum Hyatt oder zum Kino oder zu Starbucks oder zur U-Bahn. Limousinen fahren die dreißig Meter zwischen Hotel-Hinterausgang und Kino-Vordereingang. Einmal hin und einmal zurück. An den Eingängen, Türen und Tresen stehen die gleichen Leute wie vor einer Woche. Man gewöhnt sich an die Gesichter. Langsam fühle ich mich wie in der Truman-Show. Alles hier geht seinen geordneten Gang. Und könnte ewig so weiter gehen.

"Ich weiß was Sie meinen. Aber wir haben letztes Jahr 21 Millionen Sommerreifen abgesetzt. Da wäre ich vorsichtig", sagt ein Mann zu einem anderen Mann am Nebentisch. In den kahlen Bäumen vor der Tür veranstaltet ein Schwarm Krähen ein Höllenspektakel. Noch hat kein Film Zuschauer und Kritiker im kollektiven Freudentaumel von den Sesseln plumpsen lassen. Auch die Klagen über zu wenig Glamour wollen nicht abklingen. Es ist kalt und dunkel und höchste Zeit nach einem Kinotag ins Bett zu fallen. Morgen kommt Will Smith, Übermorgen ist die Preisverleihung und Überübermorgen hat der Spuk ein Ende.

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